Karl Heinz Kristel  

Geschichten für Herz und Verstand

Mein Buch 

Buchbeschreibung (siehe unten!)

Leseprobe (siehe unten!)

 





Buchbeschreibung

Jede Medaille hat zwei Seiten. Auch die Liebe. Den siebten Himmel, der nie enden sollte und den Sturz ins scheinbar Bodenlose. Das müssen auch Alexander und Annalena erfahren.

Sie haben eigentlich alles, was man zum Glücklichsein braucht. Erfolg, Wohlstand und die große Liebe. Doch das ist ihnen zu wenig. Unwiderstehliche Verlockungen und reizvolle Versuchungen gewinnen gefährliche Macht über sie. Und dann schlägt auch noch das Schicksal zu, gewaltig und unbeeinflussbar. Alexander, genialer Arzt und Hochschullehrer, steht ihm scheinbar hilflos und ohnmächtig gegenüber. Gibt es Rettung für ihn und seine Frau und ihre Liebe?

Eine Geschichte mit wahrem Kern, wie sie nur das Leben selbst schreiben kann. 



Schauplätze im Buch


V.l.n.r.: Bild 1, 3, 4, 5 und 6 als kostenfreie Fotos von Pixabay am 06.04.2020 heruntergeladen.


Leseprobe 

 





Spießrutenlauf

Regensburg, September 2010

 

Noch lag die Nacht über Starnberg und dem See. Nahezu lautlos schlich sich Alexander, der Frühaufsteher, aus dem Schlafzimmer. Doch seine Frau besaß Ohren wie ein Luchs. Obwohl Annalena erst zur Spätschicht eingeteilt war und hätte ausschlafen können, ließ sie es sich nicht nehmen, ein kleines Frühstück vorzubereiten und dieses mit ihrem Mann einzunehmen. Während sie sein Drei-Minuten-Ei, auf das er so großen Wert legte, für ihn kochte und eine Tasse starken schwarzen Tee aufbrühte, dachte sie an den Vortrag, den er heute in Regensburg halten würde. Alexander würde seine Kolleginnen und Kollegen mit einem hochbrisanten Thema konfrontieren. Und sie kannte ihren Gatten, der in Fachkreisen zwar als hoch geschätzter Vordenker galt, dennoch die Ärzteschaft wegen seiner provokativen Aussagen und revolutionären Forderungen gegen sich aufbringen könnte. Das würde alles andere als ein Spaziergang für ihn werden, eher ein Spießrutenlauf, befürchtete Annalena.

 

Alexander rechnete mit knapp zwei Stunden Fahrtzeit. Wie immer fuhr er früher los, um einen zeitlichen Puffer zu haben. Oft war er die Strecke  von Starnberg nach Regensburg schon gefahren und kannte die neuralgischen Stellen, wo sich häufig Stau bildete, besonders im morgendlichen Berufsverkehr. Nach einigen Kilometern Landstraße bog er auf die Autobahn Richtung München ein. Der Morgen dämmerte. In der Morgenröte erwachte die hügelige Landschaft des Alpenvorlandes. Vorüberziehende Nadel- und Laubwälder zeigten allmählich ihr Gesicht. Leise Wehmut überkam ihn beim Anblick der abgeernteten Getreidefelder, deren Stoppeln hoffnungslos auf das Umackern warteten, um unter brauner Erde begraben zu werden. Für Alexander Vorboten einer zum Teil unwirtlichen Jahreszeit, der aber wieder Neues folgen würde. Das Werden von Leben ging über in die Schönheit von Blüte und Frucht, um wieder zu vergehen und in der Wiederkehr zu siegen. Der Kreislauf des Lebens. Auch in seinem Vortrag würde er heute über gesunde und krankhafte Kreisläufe referieren.

 

Er überdachte nochmals die Inhalte seiner Rede. Zu viele Menschen lebten sehr ungesund, was sich neben genetischer Anlage als nicht zu vernachlässigender Risikofaktor für Erkrankungen erweise. Die Menschen brauchten deswegen eine systematische, begreifbare und wirkungsvolle Gesundheitsförderung, bei der der einzelne mehr Verantwortung für sein Gesundheitsverhalten und für seine Gesundheit übernehmen musste. In diesem Denken sah Alexander den Schlüssel für weniger Krankheit. Dieser Ansatz und neue digitale Technologien in der Medizin waren Kerninhalte seines Vortrags.

Mittlerweile war er in Regensburg angekommen. Die Fahrt war reibungslos verlaufen, und so hatte er noch fast drei Stunden Zeit bis zum Kongressbeginn. Eine gute Gelegenheit, die verbleibende Zeit für einen Streifzug durch die reizvolle historische Altstadt zu nutzen, in der ihn vieles an seine Kindheits- und Jugendjahre erinnerte.

 

Er war viel in der Welt umhergereist und aus beruflichen Gründen hatte er mehrmals den Wohnort gewechselt. Überall, wo er sich bisher aufgehalten hatte, hatte er sich meistens auch wohl gefühlt. Aber in Regensburg und  Umgebung lagen seine Wurzeln. Immer wieder kam er hierher, um durch diese einzigartige Altstadt zu streifen. Wie keine andere sagte ihm diese Stadt zu. An vielen Stellen versprühte die alte Römerstadt aufgrund zahlreicher antiker Gebäude im italienischen Stil ihren Charme. Eine kleine Toskana mit ganz großer Geschichte an der nördlichsten Stelle der Donau in der Oberpfalz gelegen. Regensburg vermittelte ihm ein Gefühl von Heimat. Alexander entzückte das markante Gesicht, das beachtliche Reste von Zeugen aus Stein, die die Zeit überdauert hatten, bis heute eindrucksvoll zierten. Monumente der Geschichte, deren Wurzeln bis nach Rom reichten. Lange Zeit wurde hier deutsche Geschichte geschrieben, mitunter recht wechselvoll. Im 19. Jahrhundert war diese Stadt für längere Zeit in einen „Dornröschenschlaf“ gesunken, aus dem sie, wie jeder heute sehen konnte, wieder erwacht war und glanzvoll aufstrebte. Regensburg hörte sein Herz wieder schlagen.

Auch Annalena fand diese Stadt hinreißend, wie Alexander wusste. In ihr hatte sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester absolviert. Unwiderstehlich fand sie, sehr zu seinem Leidwesen, auch die zahlreichen Schaufenster der Geschäfte, ganz gleich, ob es sich um Boutiquen, Schuhläden oder traditionelle Handwerksläden handelte. Was hinter den Fassaden und Schaufenstern der alten Gemäuer angepriesen wurde, machte sie neugierig, meistens zu seinem Bedauern. Ihre Begeisterung zeigte nicht selten Auswirkungen auf ihrem gemeinsamen Konto. Ein ewiges Streitthema, seit sie verheiratet waren.

 

Alexander schlenderte durch verwinkelte Gassen mit uraltem Kopfsteinpflaster, vorbei an Kirchen und Kneipen. Einige Schankwirtschaften kannte er noch von früher. Wie oft hatte er mit Annalena und Freunden darin gezecht! Regensburg besaß eine Kneipendichte, wie sie selten in einer Stadt anzutreffen war. Für ihn als gebürtigen Oberpfälzer war dieser Ort ein Juwel – uralt und zugleich jung. Wegen der Hochschulen wimmelte es hier nur so von jungen Menschen. Schon als kleiner Junge war er gern vor den prunkvollen Patrizierhäusern stehengeblieben, weil ihn die himmelhohen Geschlechtertürme fasziniert hatten. Mutter hatte ihm erklärt, dass die Türme, die reichen Kaufleuten gehörten, repräsentativen Charakter hatten und der Darstellung von Reichtum und Einfluss dienten. Eben stand er vor dem 50 Meter hohen Goldenen Turm, wie einst. Sein Gedächtnis meldete sich und erinnerte ihn an Ottmar Gallitzendörfer, seinen hoch geschätzten Geschichtslehrer. Der beste Lehrer am Albertus-Magnus-Gymnasium, ein überaus engagierter Kenner der Stadtgeschichte. Mit großer Begeisterung hatte er Regensburg als die „nördlichste Stadt Italiens“ bezeichnet. Der Anblick der Denkmäler und Plätze erinnerte Alexander an große und kleine spannende Geschichten, teils rührend, teils heiter und teils gruselig, die Gallitzendörfer seinen Schülern bei  Stadtführungen anschaulich und leidenschaftlich geschildert hatte. Unterricht in Stadtgeschichte erteilte er, wann immer möglich, nicht im Klassenzimmer, sondern stets an dem Ort, wo sich Geschichte ereignet hatte und wo ihre Spuren zu sehen waren. Niemand kannte so viele Denk- und Ehrenmale wie er. Und niemand wusste so viel darüber wie er. Unvergesslich der Otti, wie sein Spitzname lautete.

Alexander kam an der Steinernen Brücke an, die sich auf 16 bogenförmig angeordneten Pfeilern zur Mitte hin ansteigend über die Donau spannte. Bereits im 12. Jahrhundert erbaut, gilt sie als Meisterwerk mittelalterlicher Baukunst und als die älteste erhaltene Brücke Deutschlands. Zielstrebig marschierte Alexander auf den höchsten Punkt zu. Dieses einzigartige Bauwerk und sein höchster Punkt hatten für ihn eine ganz besondere Bedeutung. Hier, genau hier war es. Er lächelte in sich hinein. Hier hatte er Annalena zum ersten Mal geküsst. Beide waren sie noch blutjung. Sie hatten sich erst kennengelernt. Lang ist’s her. Aber den ersten Kuss vergisst man nicht. Ganz genau erinnerte er sich an ihn, als hätten sich ihre Lippen erst vor wenigen Wochen zum ersten Mal berührt. An diesem Tag war es ungewöhnlich warm gewesen, ein Frühlingstag im Wonnemonat Mai. Er sah sie vor sich, im hautengen, dünnen Pullover, orangefarben, dessen Ärmel nur die Oberarme bedeckt hatten. Bombig auch, was sie an den Füßen getragen hatte: Hohe rote Schlüpf-Sandalen mit dicker gelber Sohle. Clogs, ja Clogs, waren diese Treter genannt worden, deren Holzabsätze beim Gehen dumpf klackerten. Der Knüller jedoch war die cognacfarbene kurze Hose, die besonders eng und kurz geschnitten war und das Gesäß betont hatte. Als Hot Pants hatte man dieses ziemlich neue Kleidungsstück bezeichnet, das dem inzwischen gesellschaftsfähig gewordenen Minirock gefolgt war. Total aufregend. In der Tat heiß. So manch ältere Dame hatte der Anblick natürlich schockiert. Annalena und ihm war das egal gewesen. Sein Schwarm hatte die Jugendbewegung der Hippies bewundert. Und auch sie wollte mit dem ausgefallenen Kleidungsstil das freie und selbstbestimmte Leben zum Ausdruck bringen. Wie war er eigentlich an diesem Tag gekleidet gewesen? Schlaghose. Natürlich Schlaghose. Die war damals ein Mode-Gag gewesen. An den Oberschenkeln eng anliegend, weitete sie sich von den Knien abwärts trompetenförmig. Eine Bluejeans von Levi Strauss mit Metallknöpfen. Welches Hemd und was für Schuhe? Er zuckte mit den Schultern. Das hatte er vergessen. Aber seine Haare damals, die waren lang,  schulterlang. Fast alle Jungs trugen die Haare damals lang. Annalena hatte sie toll gefunden. Und er ihre Haare erst. Sie waren lockig und lang, bis über die Schultern hatten sie gereicht. Eine richtig flotte Biene.

Er verweilte an der Stelle, wo er sie geküsst hatte. Ein Bild nach dem anderen tauchte in seiner Erinnerung auf. Sie beide lehnten Arm in Arm an der Brüstung. Direkt über ihnen das Brückenmännchen, eine Skulptur aus Stein. Die Regensburger nannten es Bruckmandl. Für sie beide war es vielleicht der romantischste Ort von Regensburg gewesen. Die Sonne war am Untergehen und verabschiedete sich mit einem sanften Rotton, der noch lange nach dem Untergang geleuchtet hatte. Ihre Körper hatten sie immer näher aneinandergedrückt und die Blicke waren unentwegt intensiver geworden. Nicht ein einziges Mal war Annalena seinen Blicken ausgewichen. Schmetterlinge hatten im Bauch geflattert. Es war der richtige Zeitpunkt. Kaum zu glauben, sogar die Gefühle ließen sich nachempfinden. Sie fieberten dem ersten Kuss entgegen. Endlich. Ein Damm war gebrochen. Es war so gewesen, als hätte sie das Wasser der Donau in die geheimnisvolle Welt der Liebe hineingeschwemmt.

Gleichzeitig hatten sie die Augen geschlossen, zärtlich und harmonisch die Lippen aneinandergeschmiegt. Immer enger hatten sie sich aneinandergedrängt und mit den Zungen vorgetastet. Erst hatte Annalena bereitwillig ihren Mund geöffnet, woraufhin seine Zunge durch ihre Lippen gleiten konnte. Lustvoll hatte sie dann das Gleiche getan. Erst langsam und dann etwas schneller und leidenschaftlicher hatten sich die beiden Zungen umkreist, bevor er seine wieder zurückgezogen hatte und zärtlich über ihre vollen und geschmeidigen Lippen fuhr. Für ihn war es der längste Kuss der Welt, ein leidenschaftliches Feuerwerk, das nicht hatte enden sollen. Sie konnte besser küssen als alle anderen Mädchen, mit denen er bisher rumgeknutscht hatte. Die Vorbeigehenden durften ruhig sehen, dass sie über beide Ohren ineinander verliebt waren.

Eine schöne Zeit, an die man gerne zurückdenkt. Er lehnte sich an die Brüstung. Die Steinerne Brücke war seit dem ersten Kuss seine Lieblingsstelle in der einstigen Römerstadt geworden. Alexander hob den Kopf und sah auf. Sah die Steinfigur noch genauso aus wie damals? Ein prüfender Blick. Etwas schwärzer als einst. Trotzdem interessant. Sollte mal restauriert werden. Dass er hierher so gerne kam, das lag vielleicht auch mit am Interesse für heimatliche Geschichte und Geschichten. Dank Otti. Schade, dass er nicht mehr lebte. Bis heute war die tatsächliche Bedeutung des Bruckmandls nicht gewiss geklärt. Die einen deuteten es als Südweiser, das seinen Blick nach Süden richtete und die Hand wegen der Sonne schützend an die Stirn hielt. Wiederum andere meinten, dass es den Baumeister der Steinernen Brücke darstellen würde. Mehr Bedeutung maß Alexander aber dem ersten Kuss an dieser Stelle bei. Seine junge Frau und er hatten diesen Punkt auch nach ihrer Trauung im Alten Rathaus zu Fuß aufgesucht. Er war zu einem magischen Punkt geworden.

 

Alexander drehte sich, beugte sich über die Brüstung und beobachtete, wie der mächtige Strom das in der Sonne glitzernde Wasser unter seinen Augen vor sich herschob. Er brachte Bilder aus der Vergangenheit mit, Bilder von der Hochzeit. Wie sie vor dem Alten Rathaus warteten. Markus Dreythaller und August Schmalhans, seine Freunde, die mit ihm beherzt gescherzt hatten, um seine Nervosität zu mindern. Wie sie sich die ewige Treue schworen und die Ringe ansteckten. Dann der Auszug aus dem Standesamt. Lachende und jubelnde Angehörige und Freunde, die sie empfangen und beglückwünscht hatten. Reis und Konfetti, Rosenblätter und regenbogenfarbene Seifenblasen  waren durch die Luft geschwebt. Nach diesem Spektakel hatten sie sich auf den Weg zur Steinernen Brücke gemacht. Markus und August, die gewusst hatten, dass Annalena und er diesen Abstecher beabsichtigt hatten, hatten für eine absolut spritzige Überraschung gesorgt: Beim Brückenmännchen hatten sie eine weiß gedeckte Bierbank, mit roten Röschen geschmückt, bereitgestellt. Verwandte hatten Gläser mit Sekt gefüllt, dem überraschten Brautpaar und Hochzeitsgästen gereicht und zugeprostet. Damit war der sowieso heiteren Stimmung noch eine Schippe draufgelegt worden. Links und rechts des Bruckmandls hatten Buben und Mädchen, allesamt Kinder von Verwandten, das Brautpaar mit silbernen, buchstabenförmigen Heliumballonen begrüßt. Auf der einen Seite bildete die Ballonreihe den Namen Alexander, auf der anderen Annalena. Auf das Kommando von Markus hatten die Kinder dem Brautpaar das Ständchen „Hoch soll‘n sie leben“ gesungen und dabei die Ballone in den Himmel steigen lassen. Wie einst sah er sie auch jetzt in das Himmelsblau emporsteigen und vom Wind in Richtung des Doms treiben, im Hintergrund die unnachahmliche mittelalterliche Silhouette von Regensburg. Die Heliumballone stiegen und stiegen, immer höher. Sie waren, trotz ihrer Größe, kaum mehr zu sehen. Alexander war in Gedanken und Träumen mit ihnen geflogen. „So hoch hinaus will ich auch. Aber auch mit dir, Annalena“, hatte er beteuert. „Du musst mich immer mitnehmen! Immer, ja, immer. Bis ans Ende unserer Tage will ich bei dir bleiben. Und du darfst mich niemals verlassen, niemals!“, hatte sie ausgelassen geantwortet.

Markus hatte ebenso wie das Brautpaar die schwebenden Ballone verfolgt. „Jetzt sind sie bald oben. Sie werden euch den Himmel auf die Erde holen.“ „Dann haben wir den ‚Siebten Himmel auf Erden‘“, schäkerte Annalena. „Weg sind sie, keiner ist mehr zu sehen. Also Kinder, jetzt sind die Rosenblütenblätter dran. Ihr dürft sie in die Donau streuen!“, rief Markus den Kleinen zu. Eifrig hatten sie die roten und weißen Blätter mit ihren zarten Händchen aus den Eimern entnommen und der Donau übergeben. Wie Schmetterlinge tanzten sie von der Brücke zum Wasser hin, das in der Nachmittagssonne glitzerte. „Mögen die Rosenblätter ihren Glückshafen finden“, hatte Annalena mit Freudentränen den Blütenblättern  hinterher gerufen, als sie mit dem Strom davongetrieben waren.

Eine Traumhochzeit bei einmalig heiterer Atmosphäre und harmonischer Stimmung. Das war damals der wichtigste Tag in seinem Leben gewesen, an den ihn der heutige schöne Ausflug in eine längst vergangene, jedoch noch immer lebendige und unvergessliche Zeit erinnerte.

 

Alexander schaute auf die Uhr. Es wurde Zeit, sich auf den Weg zum Veranstaltungsort zu machen. Dieser Kongress war für den Professor der Kardiologie eine Herausforderung höchsten Ranges, die ihn reizte, aber auch etwas nervös machte wie noch kein anderer Vortrag in seiner bisherigen beruflichen Laufbahn.

 

„Meine Damen und Herren, werte Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie uns Klartext reden. Unser Gesundheitssystem ist überholt und krankt an allen Ecken und Enden. Krankheiten werden gepflegt statt vermieden. Das liegt nicht zuletzt an den Interessen der Pharmaindustrie und einer nicht geringen Zahl von Ärzten, die sich an Krankheit bereichern wollen und daher lieber die Symptome behandeln statt prophylaktisch aufzuklären und dadurch zur Gesunderhaltung beizutragen. Wie viele chronische Erkrankungen könnten vermieden werden, wenn Gesundheitserziehung bereits im Kindesalter stärker forciert und gefördert würde anstatt erst einzugreifen, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Doch das war bisher nicht gewollt.“ Alexander ließ seine Blicke schweifen und sah in so manche süß-saure Miene. Zum Teil registrierte er zustimmendes Nicken, bei einem nicht geringen Teil der Zuhörerinnen und -hörer jedoch vernahm er Kopfschütteln, missbilligendes Geraune oder auch vereinzelte Zwischenrufe. Von ‚Nestbeschmutzer‘ war genauso die Rede wie von ‚scheinheiligem Getue‘ oder ‚Verräter‘. Doch davon ließ sich Dr. Wallenstein nicht beeindrucken und fuhr ruhig mit seinen Ausführungen fort.

„Dass Bewegungsmangel und Übergewicht eine Vielzahl der uns allen bekannten chronischen Wohlstandskrankheiten können, muss ich vor Ihnen nicht weiter ausführen. Wir alle wissen, dass sich mindestens die Hälfte dieser Erkrankungen durch eine gesunde Lebensführung vermeiden ließe. Unser gesamtes marodes Gesundheitssystem, das mit horrenden Kosten einhergeht, muss revolutioniert werden, meine sehr verehrten Damen und Herren. Überflüssige Mehrfachuntersuchungen und wenig aussagekräftige Momentaufnahmen, die uns die herkömmliche Diagnostik liefert, lassen sich vermeiden, wenn wir uns mutig den neuen Entwicklungen der digitalen Welt stellen. Und da gibt es eine aussagekräftigere Lösung für die Diagnostik und Prävention der Zukunft. Ein reiskorngroßer Datenchip, implantiert unter die Haut, kann die entscheidende Wende in unserem verstaubten, wenig effektiven Gesundheitssystem bringen.“

Hier machte Prof. Wallenstein eine kleine Pause, wohl wissend, dass er mit seiner These einen Großteil vor allem der älteren Kollegen hoffnungslos überforderte und provozierte.

Er blickte in zahlreiche interessierte und hochkonzentrierte Gesichter. Bei einem anderen Teil jedoch machte sich ungläubige Ratlosigkeit breit. Aufgeregtes Raunen erfüllte den Raum. Ein Zuhörer erhob sich mit puterrotem Gesicht und schrie: „Sie wollen uns jetzt nicht gerade verkaufen, Dr. Wallenstein, dass jedem Menschen nach seiner Geburt ein Chip eingepflanzt werden soll, der ihn ausspioniert, ihn gläsern und durchsichtig macht? Das kann nicht Ihr Ernst sein!“ Tosender Applaus brandete auf. Tumultartige Beschimpfungen hagelten auf den Redner ein, begleitet von Pfiffen und Schmährufen. Eine Reihe der Zuhörerinnen und -hörer verließ empört den Raum. Alexanders Hände begannen zu schwitzen. Diese Reaktionen hatte er befürchtet, darauf hatte er sich vorbereitet. Konnte er das Ruder noch einmal herumreißen? Konnte er wenigstens einem Teil der anwesenden Ärztinnen und Ärzte seine Überzeugungen nahebringen? Alles hing von seiner Argumentation ab. Alexander war bestens gewappnet. Nachdem sich der Tumult einigermaßen gelegt hatte, sprach er in ruhigem Ton weiter.

„Ich verstehe Ihre Bedenken gut. Tatsächlich kann ein so kleiner Datenchip das ganze Leben eines Menschen speichern und Auskunft darüber geben. Das birgt zugegebenermaßen Risiken, eröffnet jedoch auch Chancen. Deswegen darf diese Technologie nicht von vornherein verteufelt werden. Zweifelsohne stellt sie uns vor mannigfaltige ethische, kulturelle, technische und lebenspraktische Herausforderungen, da sie in unser Innerstes vordringt. Verschaffen wir den Mahnern Gehör und geben wir den Chancen dieser Technologie auch eine Chance!“, rief der Professor aus München leidenschaftlich den Kongressteilnehmern zu. „Der digitale Mensch ist längst Gegenwart und keine Zukunft mehr. Oder anders ausgedrückt: Was lange als bloße Utopie schien, erweist sich heute als Wirklichkeit. Der Mensch wird beispielsweise ergänzt durch künstliche Organe, Prothesen, Apparaturen, Mikrochips und Neurochips im Gehirn. Der elektronische Chip kann nützliche Körperprofile erstellen, die über längere Zeiträume Auskunft über Blutdruck, Puls, Körpertemperatur, Sauerstoffsättigung, Blutzucker, Essgewohnheiten, Schlaf, körperliche  Bewegung und Aufregung geben. Selbstverständlich lassen sich auch der Alkohol-, Rauschgift- oder Nikotinspiegel digital kontrollieren. Dieser Mikrochip ist bereits Realität, etwa für die ferngesteuerte Hormonabgabe zur Empfängnisverhütung. Wegweisend für die nahe Zukunft ist auch die Cyber-Pille mit eingebautem Mikroprozessor. Sie ermöglicht die Überwachung und Steuerung ärztlich verordneter Medikamente, Bewegungs- und Ernährungstherapie. Für Patienten mit Bluthochdruck, Diabetes mellitus, psychiatrischen Erkrankungen oder Krebs lässt sich der Medikamentenkonsum in der korrekten Dosis und im adäquaten Zeitplan unterstützen. Wenn die Gefahren beherrschbar werden, so dass der eigene Körper nicht gehackt und fremdgesteuert werden kann, müssen wir der Cyberpille den Siegeszug erlauben. Natürlich muss auch ein Missbrauch der Daten für Kriminelle, diktatorische Regimes, Geheimdienste, Versicherungen und Arbeitgeber ausgeschlossen werden. Ebenso darf dieser technologische Fortschritt nicht nur einer Elite zugutekommen, indem sie sich einen Informationsvorsprung und vorteilhafte Fähigkeiten verschaffen, um anderen überlegen zu sein. Jedoch lassen sich technische Entwicklungen nicht aufhalten. Denken Sie an das autonome Autofahren! Wir werden das noch erleben. In vielerlei Hinsicht möchten wir bereits heute nicht mehr auf diese Mikrochips verzichten, weil sie uns Annehmlichkeiten bescheren. Sie öffnen uns etwa Türen am Arbeitsplatz oder Auto, sobald wir uns diesen bis auf einen Meter nähern. Sichere Schlösser und passende Schlüssel werden uns eher früher als später in die Lage versetzen, dass sie uns über das Blut Einlass ins Innerste des Menschen gewähren, weil der Mikrochip dem gesundheitlichen Wohle des Menschen dient.“

Die Anhänger quittierten seine Ausführungen mit lautstarkem Applaus. Kolleginnen und Kollegen, die ihn kannten, schätzten an ihm, dass seinem Engagement keine Profilierungssucht zugrunde lag. Seinen Befürwortern war klar, dass er Ideale hatte und diese zielgerichtet, energisch, leidenschaftlich und gegen Widerstände verfolgte. Das machte seine Vorstellungen von einer gesundheits- und zukunftsorientierten Medizin glaubhaft. In der sich anschließenden Diskussion wurde dennoch deutlich, dass dieser Systemwechsel erheblichen Widerstand von verschiedenen Seiten auslöste.

 

Alexander verließ den Kongresssaal und begab sich in das weitläufige Foyer. Rechterhand von ihm sah er einen Herrn mit schlohweißen Haaren im dunkelgrauen Anzug flotten Schrittes Richtung Ausgang schreiten. Ihn kannte er doch? War das nicht …? Das musste er doch sein, so wie er ging. Aber diese Haare? Je näher beide der Tür kamen, umso sicherer wurde sich Alexander. Kurz vor dem Portal erkannte er ihn. „August, wohin so schnell?“ Der Weißhaarige blieb ruckartig stehen. Er machte einen irritierten Eindruck. Ob das an seinen Thesen lag? Er hatte sich heute nicht nur Freunde gemacht! Alexander ging die letzten drei Schritte auf ihn zu. August blickte flüchtig auf und senkte gleich wieder seine Lider. Eindeutig. Er war verstimmt. „Alex“, sagte er nur. Seine Stimme klang verhalten. Er hüstelte und wich Alexanders forschenden Blicken aus. Dann ging er doch aus sich heraus. „Der große Kardiologe in Regensburg. Schon lange nicht mehr gesehen.“ „An mir lag es nicht. War schon öfter hier. Aber du hattest nie Zeit. August Schmalhans aus Steinberg am See. Ich glaub’s nicht. Dass ich dich mal wieder sehe. Deine Haare sind ziemlich hell geworden.“ Er reichte ihm die Hand. „Grüß dich, mein alter Freund und Trauzeuge. Warum hast du es so eilig?“ „Grüß dich, Alex. Muss mich sputen. Dringender Termin im Labor. Zwei Kollegen aus Basel sind hier. Es geht um den neuen Influenza-Impfstoff.“ „Aha. Arbeitest du immer noch in der Immunologie der Uni?“ „Ja, ja. Und du bist in München Chefarzt und Hochschullehrer. Kardiologe von Weltrang und was weiß Gott noch alles. Hast eine enorm steile Karriere hingelegt. Ehrgeizig warst du ja schon immer. Übrigens, dein Vortrag heute, erstklassig, trotz der heftigen Widerstände. Das war gleichwohl zu erwarten. Da müssen die Ewiggestrigen durch, ob sie wollen oder nicht. Stillstand ist Rückschritt. Diesen Luxus darf sich die Medizin nicht leisten.“ „Danke August. Du verstehst mich. Aber lass dich nicht von mir aufhalten.“ „Nein, nein, das schaffe ich schon noch. Deine Töchter, Marie und Isabel, müssen doch schon richtige Frauen geworden sein.“ Er lachte etwas verschämt. „Das kann man wohl sagen.“ „Was machen sie denn?“ „Marie ist Journalistin beim Magazin ‚Brandheiß‘ in München. Isabel hat erst Biologie studiert und zieht sich jetzt Medizin rein.“ „Medizin. Da schau her, wie der Vater. Wo denn?“ „In Berlin in der Charité.“ „Sie wird wahrscheinlich auch Kardiologin werden wollen.“ „Mal sehen. Jedenfalls würde es mich sehr freuen.“ „Hat sie immer noch die blonden langen Haare, die sie als Kind zu Zöpfen geflochten hatte?“ „Lang, ja, sehr lang sind sie. Aber Zöpfe mag sie nicht mehr. Aus dem Alter ist sie längst raus.“ August sinnierte einige Augenblicke, drehte sich zur Tür und lächelte. „Jetzt muss ich aber los, Alex. Tut mir leid, die Pflicht ruft.“ „Arbeite nicht so viel! Servus August.“ August lachte kurz auf. „Da mahnt mich der Richtige. Du bist doch dasselbe Arbeitstier“, und schon war er durch die automatische Drehtür verschwunden.

Alexander folgte dem Ausgang nachdenklich in langsamen Schritten. Schade, dass es die einst dicke Freundschaft mit August nicht mehr gab. Engagiert  hatten sie sich dem Bau der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf widersetzt. Als er mit Annalena und den Kindern nach Starnberg umgezogen war, hatte er immer wieder versucht, den Kontakt zu ihm nicht abreißen zu lassen. Aber August hatte sich schon vor dem Ortswechsel  verschlossen und zurückgezogen. Eigenartig. Wirklich eigenartig. Weshalb nur? Er war sich keiner Schuld bewusst. Alexander zuckte mit den Schultern. Er würde dieses Rätsel hier und jetzt nicht lösen können. Zufrieden verließ er den Kongress. Er hatte den Finger in die Wunde gelegt und genau das angesprochen, was seine Gegner nicht hören wollten. In gewisser Weise war er stolz auf sich, dass er dazu den Mut aufgebracht hatte. Er wusste, dass seine Ausführungen noch lange Zeit kontrovers diskutiert werden würden und dass er sich heute zahlreiche Feinde geschaffen hatte, aber – wer weiß – vielleicht würden seine Visionen irgendwann doch Realität werden. 

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